Laktat als neuer Super-Treibstoff? Warum Tadej Pogačar bei der Tour de France Laktat zu sich nimmt
Laktat galt lange als Feind des Ausdauersportlers. Wenn die Beine brennen und die Leistung sinkt, steigt das Laktat – so zumindest die einfache Erklärung, die sich über Jahrzehnte gehalten hat.
Und jetzt das: Tadej Pogačar und sein Team UAE Team Emirates-XRG setzen bei der Tour de France 2026 auf ein neues Sportgetränk, das neben Kohlenhydraten gezielt Laktat liefert.
Der neue C2:1PRO Lactate Gel Mix von Enervit enthält pro Portion 90 Gramm Kohlenhydrate und zusätzlich 10 Gramm Natriumlaktat. Das Team hat das Konzept nach eigenen Angaben über zwei Saisons getestet. Bei der Tour kam es gezielt auf besonders anspruchsvollen Etappen zum Einsatz.
Warum sollte man einem Radfahrer ausgerechnet den Stoff zuführen, den sein Körper bei hoher Belastung ohnehin reichlich produziert?
Weil unser altes Bild vom Laktat falsch ist.
Laktat ist kein Abfallprodukt
Noch immer hält sich die Vorstellung, Laktat entstehe vor allem dann, wenn dem Muskel der Sauerstoff ausgeht. Es sammle sich an, übersäuere den Muskel und mache uns müde.
So einfach funktioniert unser Stoffwechsel nicht.
Bereits der amerikanische Physiologe George Brooks zeigte in den 1980er-Jahren, dass Laktat auch unter aeroben Bedingungen ständig produziert und wieder verwertet wird. Während einer längeren gleichmäßigen Belastung wird ein großer Teil des gebildeten Laktats direkt oxidiert und damit zur Energiegewinnung genutzt.
Daraus entwickelte Brooks die sogenannte Lactate-Shuttle-Theorie.
Vereinfacht gesagt können Zellen Laktat produzieren, ins Blut oder umliegende Gewebe abgeben und andere Zellen dieses Laktat aufnehmen und als Brennstoff nutzen.
Laktat ist damit kein Stoffwechselmüll.
Laktat ist Energieträger, Transportform für Kohlenstoff und Signalmolekül.
Besonders oxidative Muskelfasern, das Herz und auch das Gehirn können Laktat als Brennstoff nutzen.
Und genau hier beginnt die Idee hinter den neuen Laktat-Produkten.
Warum Laktat trinken, wenn der Körper es selbst produziert?
Moderne Rennverpflegung im Radsport hat sich massiv verändert.
Vor einigen Jahren galten 60 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde als solide Versorgung. Heute nehmen Profis bei langen und harten Rennen häufig 90, 100 oder sogar 120 Gramm und mehr pro Stunde auf.
Dazu werden vor allem Glukose und Fruktose kombiniert.
Der Grund: Die Aufnahmekapazität des Darms ist begrenzt. Glukose und Fruktose nutzen unterschiedliche Transportwege. Durch die Kombination lässt sich deshalb mehr Kohlenhydrat aufnehmen und oxidieren als mit Glukose allein.
Die Idee hinter exogenem Laktat geht einen Schritt weiter.
Statt einfach immer größere Mengen Glukose und Fruktose in den Darm zu bringen, führt man zusätzlich einen Stoff zu, den der Körper direkt in seinen Energiestoffwechsel einschleusen kann.
Das könnte eine weitere Möglichkeit eröffnen, während sehr hoher Belastungen Energie bereitzustellen.
Kann getrunkenes Laktat überhaupt als Energie genutzt werden?
Ja.
Und das ist keine neue Erkenntnis.
Bereits 1997 untersuchten Péronnet und Kollegen sechs Männer während einer zweistündigen Belastung bei rund 65 Prozent ihrer VO₂max.
Die Probanden nahmen währenddessen 75 Gramm Glukose und 25 Gramm Laktat zu sich. Beide Substrate wurden mit Kohlenstoff-Isotopen markiert. Dadurch konnten die Wissenschaftler verfolgen, was mit der aufgenommenen Glukose und dem aufgenommenen Laktat geschah.
Das Ergebnis war eindeutig:
Das oral zugeführte Laktat wurde während der Belastung oxidiert und damit zur Energiebereitstellung genutzt.
Der grundsätzliche Mechanismus funktioniert also.
Die spannende Frage lautet deshalb nicht, ob unser Körper aufgenommenes Laktat verwerten kann.
Das kann er.
Die entscheidende Frage ist:
Macht uns zusätzlich aufgenommenes Laktat auch schneller?
Was verspricht man sich davon?
Hier müssen wir zwischen gesicherter Physiologie und spannenden Hypothesen unterscheiden.
Eine mögliche Wirkung wäre ein Glykogen-Sparing-Effekt.
Wenn beispielsweise Herz, Gehirn und oxidative Muskelfasern einen Teil ihres Energiebedarfs über das zusätzlich angebotene Laktat decken, könnte theoretisch mehr Glukose für andere arbeitende Muskelfasern zur Verfügung stehen beziehungsweise Muskelglykogen geschont werden.
Genau diesen Gedanken beschreibt auch Jeroen Swart, Head of Performance bei UAE Team Emirates-XRG. Die Idee sei, verschiedene Gewebe mit Laktat zu versorgen und damit die insgesamt verfügbare Energiemenge zu erhöhen.
Bei einem normalen Training dürfte ein kleiner Unterschied kaum relevant sein.
Bei einer fünfstündigen Tour-Etappe sieht das anders aus.
Wenn ich über mehrere Stunden nur einen kleinen Teil meines wertvollen Muskelglykogens sparen kann, könnte davon am letzten Berg noch etwas übrig sein.
Genau dort werden Radrennen entschieden.
Noch spannender: Laktat als Brennstoff fürs Gehirn
Laktat wird nicht nur von der Muskulatur genutzt.
Auch das Gehirn kann Laktat als Energiequelle verwenden. Die moderne Lactate-Shuttle-Forschung betrachtet Laktat deshalb als wichtigen Energieträger zwischen verschiedenen Organen und Geweben.
Daraus ergibt sich eine weitere spannende Hypothese.
Bei langen und harten Ausdauerbelastungen entsteht Ermüdung nicht nur im Muskel. Auch das zentrale Nervensystem spielt eine Rolle.
Wenn zusätzlich aufgenommenes Laktat dem Gehirn als Brennstoff zur Verfügung steht, könnte dies theoretisch auch die Wahrnehmung von Ermüdung beeinflussen.
Das wäre gerade am Ende langer Rennen interessant.
Aber hier ist Vorsicht angesagt: Aus einem plausiblen physiologischen Mechanismus folgt noch kein nachgewiesener Leistungsvorteil.
Was steckt im Laktat-Mix von Pogačar?
Der bei UAE Team Emirates-XRG eingesetzte Enervit C2:1PRO Lactate Gel Mix kombiniert:
90 g Kohlenhydrate im Verhältnis 2:1 aus Glukose und Fruktose
mit
10 g Natriumlaktat
sowie Vitamin B1.
Das ist ein wichtiger Punkt.
Laktat soll die klassischen Kohlenhydrate nicht ersetzen.
Es kommt zusätzlich dazu.
Das Konzept lautet also nicht:
Laktat statt Kohlenhydrate.
Sondern:
High-Carb-Fueling plus Laktat.
Damit wird es für den modernen Ausdauersport erst richtig interessant.
Ist das der nächste große Schritt nach 120 Gramm Kohlenhydraten pro Stunde?
Vielleicht.
Aber noch wissen wir es nicht.
Die physiologische Grundlage ist stark. Dass Laktat ein wichtiger Energieträger ist, steht außer Frage. Dass oral aufgenommenes Laktat während Belastung oxidiert werden kann, wurde ebenfalls gezeigt.
Was bislang fehlt, sind überzeugende unabhängige Studien, die zeigen, dass Athleten bei bereits optimaler Kohlenhydratversorgung durch zusätzliches Laktat tatsächlich schneller fahren.
Genau das wäre der entscheidende Test.
Man müsste beispielsweise zwei Gruppen beziehungsweise Versuchsbedingungen vergleichen:
120 Gramm Glukose/Fruktose pro Stunde
gegen
120 Gramm Glukose/Fruktose plus zusätzliches Laktat.
Dann lässt man gut trainierte Radfahrer mehrere Stunden fahren und anschließend ein Zeitfahren oder einen langen Schlussanstieg absolvieren.
Parallel könnte man mit Isotopen-Tracern untersuchen, welche Substrate tatsächlich oxidiert werden und ob Muskelglykogen gespart wird.
Erst dann wissen wir, ob aus der spannenden Theorie ein echter Performance-Vorteil wird.
Profi-Radsport ist kein wissenschaftlicher Beweis
Dass Pogačar ein Produkt nutzt, beweist zunächst einmal gar nichts.
Profiteams suchen permanent nach kleinen Vorteilen. Einige Innovationen setzen sich später durch. Andere verschwinden wieder.
Auch UAE scheint Laktat bislang gezielt einzusetzen. Cyclingnews berichtete während der Tour, dass das Produkt nicht auf jeder Etappe genutzt wurde, sondern für ausgewählte Tage mit besonders hohem Energiebedarf vorgesehen war. Das Team selbst räumte ein, dass weitere Forschung notwendig ist.
Genau diese Zurückhaltung halte ich derzeit für angebracht.
Denn wir müssen drei Aussagen klar voneinander trennen:
Laktat ist ein wichtiger Brennstoff.
Das ist sehr gut belegt.
Oral aufgenommenes Laktat kann als Brennstoff genutzt werden.
Auch das ist belegt.
Zusätzliches Laktat verbessert bei optimaler Kohlenhydratversorgung die Ausdauerleistung.
Dafür ist die Datenlage noch zu dünn.
Marketing-Gag oder echter Gamechanger?
Ich würde Laktat-Gels derzeit weder als Wundermittel feiern noch als Marketing-Gag abtun.
Dafür ist die physiologische Grundlage zu interessant.
Wir erleben gerade eine spannende Entwicklung in der Sporternährung. Lange ging es vor allem darum, wie wir immer mehr Kohlenhydrate während des Wettkampfs aufnehmen können.
Jetzt könnte sich die Frage verändern:
Können wir neben Glukose und Fruktose weitere Substrate zuführen und damit die gesamte Energieversorgung unter hoher Belastung verbessern?
Laktat wäre dafür ein logischer Kandidat.
Vielleicht schauen wir deshalb in einigen Jahren auf die Tour de France 2026 zurück und sagen: Damals begann die nächste Stufe des High-Carb-Fuelings.
Vielleicht zeigen gute unabhängige Studien aber auch, dass der Effekt in der Praxis kaum messbar ist.
Beides ist möglich.
Genau deshalb ist das Thema so spannend.
Und bis wir mehr wissen, gilt für uns Hobby-Triathleten und Radsportler ohnehin: Bevor wir uns Gedanken über 10 Gramm zusätzliches Laktat machen, sollten Kohlenhydratmenge, Flüssigkeitszufuhr und individuelle Verträglichkeit stimmen.
Denn dort liegen für die meisten Athleten noch deutlich größere Leistungsreserven.




