Die Entwicklung der Zeitfahrhelme: Was ist heute State of the Art?
Wer heute ein Profi-Zeitfahren schaut, könnte meinen, die Designer hätten einen Wettbewerb gestartet: Wer baut den größten und verrücktesten Helm?
Die klassischen „Eistüten“ mit langem Schwanz sind weitgehend verschwunden. Stattdessen sehen wir kurze, runde Helme – und seit einigen Jahren immer häufiger extrem breite Modelle, die fast bis zu den Schultern reichen.
Dahinter steckt mehr als Mode. Das Verständnis der Aerodynamik hat sich verändert. Früher sollte vor allem der Helm selbst möglichst windschnittig sein. Heute betrachten Entwickler zunehmend das gesamte System aus Kopf, Helm, Schultern und Oberkörper.
Doch für Triathleten gilt weiterhin eine wichtige Regel:
Der Helm, der bei einem Profi am schnellsten ist, muss bei dir noch lange nicht funktionieren.
Die Eistüte: schnell, wenn alles passt
Lange Zeit war der klassische Zeitfahrhelm mit langem Heck das Maß der Dinge. Die Idee dahinter ist einfach: Der Helm verlängert die Form des Kopfes und führt die Luft möglichst sauber auf den Rücken.
Das kann hervorragend funktionieren.
Wenn die Position stimmt.
Das lange Heck sollte möglichst dicht am Rücken liegen. Dafür muss der Athlet eine recht konstante Kopfposition halten. Verändert sich diese, entsteht zwischen Helm und Rücken ein großer Spalt. Die Strömung kann abreißen, Verwirbelungen entstehen und der aerodynamische Vorteil schrumpft.
Für Profi-Zeitfahrer, die 30 bis 60 Minuten in einer extrem trainierten Position fahren, können solche Helme deshalb weiterhin sehr schnell sein.
Für Hobbytriathleten waren sie dagegen nie meine erste Wahl.
Auf einer Mittel- oder Langdistanz verändert sich die Kopfposition ständig. Man schaut nach vorne, kontrolliert die Strecke, trinkt, isst, fährt Kurven oder richtet sich kurz auf. Nach zwei, drei oder fünf Stunden kommt die Ermüdung hinzu.
Ein Helm, der nur in einer einzigen Kopfposition hervorragend funktioniert, ist dann wenig hilfreich.
Deshalb wurden die Helme kürzer
In den vergangenen Jahren ging der Trend deshalb verstärkt zu Short-Tail- und runderen Aerohelmen.
Ihr Vorteil liegt nicht zwingend darin, dass ihre optimale Position aerodynamisch besser ist. Sie sind vielmehr häufig weniger empfindlich gegenüber Änderungen der Kopfhaltung.
Das ist für Triathleten entscheidend.
Ein Helm, der bei perfekter Haltung zwei Watt schneller ist, bei leicht verändertem Kopf aber zehn Watt verliert, kann über 180 Kilometer die schlechtere Wahl sein.
Ein etwas weniger aggressiver Helm kann dagegen über verschiedene Positionen hinweg einen relativ stabilen Luftwiderstand liefern.
Gerade für lange Distanzen kann deshalb ein kompakter TT-Helm sinnvoll sein. Und je nach Geschwindigkeit, Strecke und Temperatur kann sogar ein guter Aero-Rennradhelm die bessere Gesamtlösung darstellen.
Jetzt werden die Helme wieder größer – aber anders
Der aktuelle Trend im Profisport scheint dieser Entwicklung zunächst zu widersprechen.
Helme wie der Giro Aerohead II oder der MET Drone Wide Body II sind wieder riesig. Allerdings wachsen sie nicht einfach nur nach hinten. Sie werden vor allem breiter.
Und dahinter steckt ein anderes Konzept.
Der Helm soll nicht mehr nur den Kopf aerodynamisch optimieren. Entwickler betrachten Fahrer und Helm zunehmend als ein gemeinsames aerodynamisches System.
Der POC Tempor war schon früh ein Beispiel dafür. POC beschreibt das Konzept ausdrücklich so: Der Helm wurde mittels CFD entwickelt, um die Strömung um den gesamten Körper zu verbessern. Seine Form soll Luft gezielt von den Schultern wegführen.
Beim MET Drone wird dieser Ansatz noch deutlicher. Der Hersteller spricht selbst von einem „Wide Body Design“, das die Luft über die Schultern führen und dort Turbulenzen und Widerstand reduzieren soll.
Auch beim extremen Giro Aerohead II reichen die seitlichen Flächen nahezu bis zur Breite der Schultern. Das Ziel: Die anströmende Luft bereits am Kopf so zu lenken, dass sie günstiger um die Schultern und den Oberkörper geführt wird.
Nicht der Helm ist aerodynamisch – das System muss es sein
Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis der aktuellen Entwicklung.
Wir sollten nicht fragen:
Welcher Helm hat den geringsten Luftwiderstand?
Sondern:
Welcher Helm erzeugt zusammen mit meinem Körper und meiner Position den geringsten Luftwiderstand?
Denn unsere Körper unterscheiden sich.
Schulterbreite, Kopfform, Rückenform, Körpergröße, Armposition und Kopfhaltung beeinflussen die Strömung.
Ein breiter Helm kann beispielsweise bei einem Athleten mit tiefer Kopfposition und passender Schulterhaltung hervorragend funktionieren. Bei einem anderen Fahrer kann derselbe Helm deutlich schlechter abschneiden.
Das zeigt sich inzwischen auch im Profisport. Aero-Experten weisen darauf hin, dass die Wahl des optimalen TT-Helms stark von Körperproportionen, Kopfhaltung und Position abhängt. Einige Profiteams lassen ihren Fahrern deshalb sogar unterschiedliche Helme zur Wahl, nachdem diese individuell getestet wurden.
Das ist der Punkt, den Agegrouper beim Blick auf die Profis gerne vergessen:
Du kannst den Helm deines Lieblingsprofis kaufen. Seine Aerodynamik kaufst du damit nicht.
Die Kopfhaltung wird immer wichtiger
Gerade bei den neuen Wide-Body-Konzepten spielt die Position eine große Rolle.
MET beschreibt für seinen Drone beispielsweise eine Position, bei der der Fahrer den Kopf tief zwischen den Schultern hält und das Heck des Helms zwischen den Schulterblättern verschwindet. Erst dadurch sollen Fahrer und Helm optimal zusammenarbeiten.
Das funktioniert bei einem Profi im Zeitfahren.
Aber kannst du diese Position auch nach vier Stunden auf dem Rad halten?
Und kannst du dabei noch sicher nach vorne schauen?
Genau hier unterscheiden sich Zeitfahren und Triathlon erheblich.
Der theoretisch schnellste Helm ist für einen Triathleten nicht zwingend der praktisch schnellste Helm.
Und dann kommt die Hitze
Damit kommen wir zu einem Punkt, der bei der Jagd nach dem niedrigsten CdA gerne vergessen wird:
Thermoregulation.
Ein aerodynamischer Helm soll möglichst wenig Luftwiderstand erzeugen. Große Lüftungsöffnungen sind dafür häufig kontraproduktiv.
Das kann bei einem 40-minütigen Zeitfahren sinnvoll sein.
Bei einem Ironman bei 30 Grad sieht die Rechnung anders aus.
Hier müssen wir nicht nur fragen:
Wie viele Watt spare ich durch den Helm?
Sondern auch:
Wie viel zusätzliche Wärme speichere ich dadurch?
Steigt die thermische Belastung, können Herzfrequenz und Hautdurchblutung zunehmen. Die Leistungsfähigkeit kann sinken. Und nach dem Radfahren müssen wir schließlich noch laufen.
Deshalb würde ich die Helmwahl im Triathlon immer als Kompromiss aus mindestens vier Faktoren betrachten:
Aerodynamik + Kühlung + Komfort + Positionsstabilität.
Je länger und heißer das Rennen, desto stärker verschiebt sich diese Gewichtung weg vom reinen Best-Case-CdA.
Ein Helm für Mallorca muss nicht der Helm für Hamburg sein
Daraus folgt noch etwas.
Es muss nicht einmal den einen optimalen Helm für einen Athleten geben.
Bei einer kühlen Mitteldistanz auf schneller Strecke kann ein relativ geschlossener Wide-Body-TT-Helm die beste Wahl sein.
Bei einer heißen Langdistanz kann ein stärker belüfteter Short-Tail-Helm schneller sein – obwohl er im Windkanal ein paar Watt schlechter abschneidet.
Und bei einem sehr bergigen Rennen mit niedriger Durchschnittsgeschwindigkeit könnte ein Aero-Rennradhelm durch bessere Kühlung, geringeres Gewicht und höheren Komfort das sinnvollere Gesamtpaket darstellen.
Der Kontext entscheidet.
Distanz, Geschwindigkeit, Strecke, Wind, Temperatur und die eigene Fähigkeit, eine aerodynamische Position zu halten, gehören deshalb genauso zur Helmwahl wie die nackten Aero-Werte.
Deshalb: testen statt kopieren
Eigentlich müsste man einen Aerohelm genauso testen wie eine neue Aeroposition.
Im Profisport geschieht das im Windkanal oder auf der Bahn. Für einen Hobbytriathleten ist das meist zu teuer und aufwendig.
Mittlerweile gibt es aber günstigere Möglichkeiten für Feldtests.
Mit Leistungsmesser, Geschwindigkeitssensor beziehungsweise GPS und geeigneter Software lässt sich der aerodynamische Widerstand unter kontrollierten Bedingungen auch draußen abschätzen. Ein Beispiel dafür ist AeroTune.
Perfekt ist ein solcher Feldtest nicht. Wind, Verkehr, Temperatur, Straßenbelag und die eigene Position erzeugen Messfehler. Wiederholte Tests unter möglichst gleichen Bedingungen können trotzdem sehr wertvolle Hinweise liefern.
Ideal wäre beispielsweise, zwei oder drei Helme jeweils mehrfach in derselben Position und auf derselben Strecke zu testen.
Und nicht nur mit der vermeintlich perfekten Kopfhaltung.
Sondern auch so, wie du nach drei Stunden wirklich auf deinem Rad sitzt.
Mein Fazit: Der beste Aerohelm existiert nicht
Die Entwicklung der vergangenen Jahre ist spannend.
Von der klassischen Eistüte ging es zu kürzeren und toleranteren Aerohelmen. Aktuell sehen wir im Spitzensport einen Trend zu sehr breiten Konstruktionen, die Kopf, Helm, Schultern und Oberkörper als aerodynamische Einheit betrachten.
Das kann extrem schnell sein.
Aber daraus folgt nicht, dass wir jetzt alle einen möglichst breiten Helm kaufen sollten.
Im Gegenteil.
Je ausgefeilter die Aerodynamik wird, desto individueller wird die optimale Lösung.
Körperform, Schulterbreite, Kopfhaltung, Aeroposition, Geschwindigkeit, Renndauer und Temperatur bestimmen mit, welcher Helm für dich schnell ist.
Für Triathleten kommt noch ein weiterer Faktor hinzu: Wir müssen nach dem Radfahren laufen.
Deshalb ist der Helm mit dem niedrigsten CdA nicht automatisch der Helm, mit dem du den schnellsten Triathlon absolvierst.
Mein Rat lautet deshalb:
Nicht nach Optik kaufen. Nicht blind den Profis folgen. Testen.
Und bei Hitze ruhig zwei Helme zur Auswahl haben.
Denn manchmal können drei Watt mehr Luftwiderstand die schnellere Lösung sein.




