Treteffizienz im Radsport: Warum der runde Tritt ein Mythos ist

Moderne Powermeter können längst mehr als nur Watt messen. Je nach System bekommen wir Daten zur Links-rechts-Verteilung, zur Kraftverteilung während der Kurbelumdrehung, zu Pedal Smoothness oder Torque Effectiveness.

Das klingt spannend. Und natürlich liegt der Gedanke nahe: Wenn wir messen können, wie ein Radfahrer seine Leistung auf das Pedal bringt, müssten wir doch auch den perfekten Tritt finden können.

Genau diese Idee erlebt gerade eine Renaissance. Trainer sprechen von „Pedaling Efficiency“, analysieren Kraftkurven und Totpunkte und versprechen sich davon mehr Leistung bei gleichem Einsatz.

Nur gibt es ein Problem:

Die wissenschaftliche Studienlage gibt das bislang nicht her.

Im Gegenteil. Sie stellt sogar eine der ältesten Weisheiten des Radsports infrage: den berühmten runden Tritt.

Was bedeutet Treteffizienz überhaupt?

Zunächst müssen wir zwei Dinge unterscheiden, die gerne miteinander vermischt werden.

Die mechanische Effektivität beschreibt vereinfacht gesagt, wie viel der auf das Pedal gebrachten Kraft tatsächlich ein Drehmoment an der Kurbel erzeugt.

Daneben gibt es die metabolische Effizienz. Sie beantwortet eine für Ausdauersportler viel wichtigere Frage:

Wie viel Energie muss mein Körper einsetzen, um eine bestimmte mechanische Leistung zu erzeugen?

Im Labor lässt sich das beispielsweise über den Sauerstoffverbrauch und die sogenannte Gross Efficiency bestimmen.

Ein Tritt kann also mechanisch sehr effektiv aussehen und trotzdem metabolisch teuer sein.

Und genau das ist der Knackpunkt.

Der alte Traum vom runden Tritt

Wer schon etwas länger Radsport betreibt, kennt ihn wahrscheinlich: den runden Tritt.

Die klassische Vorstellung war einfach. Statt nur von oben nach unten aufs Pedal zu drücken, sollte der Fahrer möglichst über die gesamte Kurbelumdrehung Kraft erzeugen.

Vorne drücken, unten nach hinten ziehen, hinten aktiv hochziehen und oben wieder nach vorne.

Oft wurde das mit dem Bild beschrieben, man müsse unten den Dreck von der Schuhsohle abstreifen. Klickpedale schienen diese Idee perfekt zu machen. Schließlich kann man damit nicht nur drücken, sondern auch ziehen.

Je gleichmäßiger die Kraft über 360 Grad verteilt wird, desto besser der Tritt – so die Theorie.

Biomechanisch klingt das zunächst plausibel.

Physiologisch ist die Sache komplizierter.

Ein schönerer Tritt kann mehr Energie kosten

Eine klassische Untersuchung von Korff und Kollegen zeigt das sehr schön.

Trainierte Radfahrer fuhren bei gleicher Leistung und Kadenz mit unterschiedlichen Trettechniken. Unter anderem sollten sie einmal normal treten und einmal während der Aufwärtsbewegung bewusst am Pedal ziehen.

Das Ergebnis:

Durch das aktive Hochziehen wurde die mechanische Force Effectiveness deutlich besser.

Eigentlich genau das, was die Theorie vom runden Tritt vorhersagt.

Doch gleichzeitig verschlechterte sich die metabolische Effizienz.

Die Gross Efficiency sank von etwa 20,2 auf 19,0 Prozent.

Die Fahrer erzeugten also einen mechanisch „besseren“ Tritt – mussten dafür aber mehr Energie einsetzen.

Das ist kein Widerspruch. Es zeigt vielmehr, dass der menschliche Körper keine Maschine ist, bei der jede Kraft, die nicht direkt zum Vortrieb beiträgt, automatisch verschwendete Energie darstellt.

Warum 360 Grad Kraft gar nicht das Ziel sein müssen

Vielleicht liegt genau hier der Denkfehler.

Beim Laufen erwarten wir schließlich auch nicht, dass ein Muskel während des gesamten Bewegungszyklus maximal arbeitet.

Beim Schwimmen ebenso wenig.

Ausdauerbewegungen leben von einem ständigen Wechsel aus Belastung und Entlastung, Aktivierung und reduzierter Aktivität.

Das ist auch beim Radfahren sinnvoll.

Während der biomechanisch günstigen Druckphase können Quadrizeps und Gesäßmuskulatur viel Leistung erzeugen. Danach kann ihre Aktivität deutlich zurückgehen, während andere Muskeln die Bewegung übernehmen.

Das aufsteigende Bein muss dabei nicht zwingend selbst Vortrieb erzeugen. Das andere Bein drückt gleichzeitig nach unten und bewegt über Kurbel und Tretlager das gegenüberliegende Pedal nach oben.

Das Ziel muss deshalb nicht lauten:

Zieh das Pedal aktiv hoch.

Es kann vollkommen ausreichen:

Bring das Bein möglichst ökonomisch wieder nach oben und bremse die Bewegung nicht unnötig.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Sind Totpunkte überhaupt ein Problem?

Auch die sogenannten Dead Spots müssen wir deshalb differenziert betrachten.

Rund um den oberen und unteren Totpunkt kann der Fahrer biomechanisch nur wenig wirksames Drehmoment erzeugen. Der traditionelle Ansatz versucht, diese Löcher möglichst zu schließen.

Doch auch hier gilt:

Nur weil wir dort wenig positives Drehmoment messen, bedeutet das nicht automatisch, dass etwas falsch läuft.

Es könnte sogar metabolisch sinnvoll sein, nicht krampfhaft zu versuchen, während jeder Millisekunde der Kurbelumdrehung Vortrieb zu erzeugen.

Der Körper könnte stattdessen eine ökonomische Strategie nutzen:

Druck erzeugen – entlasten – neu positionieren – wieder Druck erzeugen.

Das bedeutet nicht, dass Koordination unwichtig ist. Ein Fahrer sollte keine unnötigen Gegenkräfte produzieren und sein aufsteigendes Bein nicht wie einen Sandsack vom anderen Bein hochheben lassen.

Aber daraus folgt eben nicht, dass ein möglichst gleichmäßiger Krafteinsatz über 360 Grad optimal wäre.

Und was ist mit ovalen Kettenblättern?

Auch hier begegnet uns dieselbe Idee.

Ovale Kettenblätter verändern während einer Kurbelumdrehung den wirksamen Radius. Dadurch soll der Fahrer schneller durch biomechanisch ungünstige Bereiche kommen und seine Kraft stärker dort einsetzen können, wo er besonders viel Drehmoment erzeugen kann.

Auch das klingt zunächst logisch.

Die aktuelle Studienlage zeigt jedoch für längere Ausdauerbelastungen keinen überzeugenden Vorteil bei Sauerstoffverbrauch, Gross Efficiency oder Ausdauerleistung.

Bei sehr hohen Leistungen und Sprints gibt es Hinweise auf mögliche Vorteile. Für einen Triathleten, der stundenlang eine möglichst ökonomische Leistung erzeugen möchte, ist ein klarer metabolischer Vorteil bislang aber nicht nachgewiesen.

Auch hier gilt also:

Eine biomechanisch plausible Idee ist noch kein Beweis für bessere Ausdauerleistung.

Mehr Daten bedeuten nicht automatisch mehr Wissen

Das ist für mich die eigentliche Botschaft.

Unsere Powermeter werden immer besser. Wir können heute Dinge messen, von denen Trainer vor 20 Jahren nur träumen konnten.

Das ist gut.

Problematisch wird es erst, wenn aus jeder neuen Messgröße automatisch eine neue Zielgröße fürs Training wird.

Nur weil mein Powermeter Pedal Smoothness, Torque Effectiveness oder eine Kraftkurve anzeigen kann, bedeutet das noch lange nicht, dass ein höherer oder „schönerer“ Wert mich schneller macht.

Messbar ist nicht dasselbe wie leistungsrelevant.

Und genau hier sollte Training der Wissenschaft folgen und nicht umgekehrt.

Was macht einen guten Tritt aus?

Ich würde den guten Tritt deshalb viel einfacher definieren.

Ein guter Tritt ist nicht der Tritt, der auf dem Bildschirm besonders rund aussieht.

Er ist auch nicht der Tritt, bei dem du versuchst, während der gesamten Kurbelumdrehung aktiv Kraft zu erzeugen.

Ein guter Tritt ermöglicht dir, deine Leistung ökonomisch, entspannt und über lange Zeit zu erzeugen.

Gerade im Triathlon ist das entscheidend.

Wer nach 180 Kilometern vom Rad steigt, bekommt schließlich keine Punkte für eine schöne Kraftkurve.

Er muss noch einen Marathon laufen.

Und vielleicht ist deshalb eine alte Weisheit gar nicht so schlecht:

Drück kräftig, wenn du gut drücken kannst. Entspann, wenn du nicht drücken musst. Und mach aus dem Pedalieren keine Wissenschaft, die am Ende mehr Energie kostet, als sie spart.