Warum Schnellkraft ab 50 ein unterschätzter Faktor ist

Wir haben in den letzten Beiträgen dieser 50+-Serie viel über Muskelmasse und Muskelkraft gesprochen. Beides ist wichtig. Aber es gibt noch eine dritte Fähigkeit, die wir beim Training im Alter gerne übersehen: Wie schnell können wir unsere vorhandene Kraft einsetzen?

Genau darum geht es bei der Schnellkraft.

Du kannst starke Beine haben und trotzdem Schwierigkeiten bekommen, wenn du diese Kraft in einer unerwarteten Situation nicht schnell genug abrufen kannst. Im Alltag kann es einen großen Unterschied machen, ob dein Körper Kraft nur besitzt – oder sie innerhalb kürzester Zeit verfügbar machen kann.

Und genau diese Fähigkeit sollten wir auch mit 50, 60 oder 70 noch trainieren.

Kraft haben und Kraft schnell einsetzen sind zwei verschiedene Dinge

Stell dir zwei 70-Jährige vor. Beide besitzen eine ähnliche maximale Beinkraft.

Jetzt stolpern beide über eine Bordsteinkante.

Der erste schafft es, das freie Bein schnell nach vorne zu bringen, den Fuß aufzusetzen und unmittelbar genügend Kraft zu entwickeln, um seinen Körper wieder abzufangen. Beim zweiten kommt die Reaktion etwas langsamer. Seine maximale Beinkraft wäre vielleicht ausreichend – aber in diesem Moment steht sie nicht schnell genug zur Verfügung.

Genau hier liegt der Unterschied zwischen Maximalkraft und Schnellkraft.

Maximalkraft beantwortet vereinfacht die Frage:

Wie viel Kraft kann ich maximal erzeugen?

Schnellkraft beantwortet eine andere:

Wie schnell kann ich diese Kraft verfügbar machen?

Für sportliche Leistung ist das offensichtlich relevant. Wer sprintet, springt oder beschleunigt, braucht Schnellkraft.

Aber im Alter bekommt dieselbe Fähigkeit plötzlich eine ganz andere Bedeutung.

Schnellkraft verhindert keine Stürze

Das möchte ich direkt klarstellen.

Wer viel Schnellkraft besitzt, hat deshalb nicht automatisch ein geringes Sturzrisiko. Stürze sind komplex und hängen von vielen Faktoren ab: Gleichgewicht, Koordination, Aufmerksamkeit, Sehvermögen, Medikamenten, Untergrund, Beweglichkeit und natürlich auch vom eigenen Verhalten.

Ein vorsichtiger 80-Jähriger mit geringer Schnellkraft kann deshalb durchaus seltener stürzen als ein wesentlich leistungsfähigerer Gleichaltriger, der unachtsam über Stock und Stein läuft.

Interessant wird Schnellkraft in einem anderen Moment:

Wenn das Gleichgewicht bereits gestört wurde.

Wenn wir stolpern oder wegrutschen, müssen wir reagieren. Wir setzen einen Schritt, stabilisieren den Körper und versuchen, den Körperschwerpunkt wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Dafür steht uns nicht beliebig viel Zeit zur Verfügung.

Es hilft also nicht nur, starke Beine zu besitzen. Wir müssen diese Kraft auch schnell einsetzen können.

Studien bringen eine geringere Fähigkeit zur schnellen Kraftentwicklung mit schlechterer Mobilität und wiederholten Stürzen in Verbindung. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass Schnellkraft allein bestimmt, wer stürzt. Es unterstreicht aber, dass schnelle Kraftentwicklung ein Teil unserer funktionellen Reserve ist.

Warum Schnellkraft mit zunehmendem Alter interessant wird

Beim Altern verlieren wir nicht einfach nur Muskelmasse.

Wie wir im letzten Beitrag gesehen haben, kann die Muskelkraft stärker zurückgehen als die reine Muskelmasse. Und bei der Fähigkeit, Kraft schnell zu entwickeln, kann der Rückgang noch deutlicher ausfallen.

Dafür gibt es mehrere Gründe.

Unter anderem verändern sich das Zusammenspiel von Nervensystem und Muskulatur sowie die schnellen Typ-II-Muskelfasern. Genau diese Fasern können hohe Kräfte besonders schnell entwickeln und spielen deshalb bei explosiven Bewegungen eine wichtige Rolle.

Das Problem ist: Unser normaler Alltag fordert diese Fähigkeiten immer weniger.

Wir gehen.

Wir sitzen.

Wir stehen auf.

Wir fahren Rad.

Vielleicht laufen oder schwimmen wir regelmäßig.

Aber wann versuchen wir im normalen Leben tatsächlich noch, eine Bewegung bewusst schnell und kraftvoll auszuführen?

Wenn der Körper diese Fähigkeit kaum noch benötigt, bekommt er auch wenig Grund, sie zu erhalten.

Ausdauersport schützt davor nur begrenzt

Das ist gerade für meine Zielgruppe interessant.

Ein 60-jähriger Triathlet kann körperlich extrem fit sein. Er schwimmt, fährt Rad und läuft vielleicht acht oder zehn Stunden pro Woche.

Seine Beine leisten dabei enorm viel Arbeit.

Aber meistens handelt es sich um viele tausend submaximale Muskelkontraktionen. Bei einer lockeren Radausfahrt trainieren wir unsere Muskulatur darauf, über Stunden effizient zu arbeiten.

Das ist hervorragend für Mitochondrien, Stoffwechsel und aerobe Leistungsfähigkeit.

Aber es ist nicht dasselbe wie die Fähigkeit, innerhalb kurzer Zeit viel Kraft zu entwickeln.

Ein langer Lauf ersetzt deshalb genauso wenig Schnellkrafttraining wie eine vierstündige Radausfahrt.

Selbst klassisches Krafttraining löst das Problem nicht automatisch

Jetzt wird es spannend.

Wir könnten sagen: Dann machen wir eben Krafttraining.

Und das ist grundsätzlich richtig.

Regelmäßiges Krafttraining verbessert auch bei älteren Menschen nicht nur die Maximalkraft, sondern kann ebenfalls die Fähigkeit verbessern, Kraft schnell zu entwickeln. Die Forschung zeigt ziemlich klar, dass unser neuromuskuläres System auch im höheren Alter noch trainierbar ist.

Trotzdem macht es einen Unterschied, wie wir trainieren.

Wenn ich jedes Gewicht grundsätzlich langsam anhebe, trainiere ich vor allem die Fähigkeit, Kraft gegen diesen Widerstand zu entwickeln. Möchte ich zusätzlich die schnelle Kraftentwicklung ansprechen, kann es sinnvoll sein, bei geeigneten Übungen eine andere Bewegungsabsicht einzubauen:

kontrolliert absenken – kraftvoll und zügig aufrichten.

Genau das ist der Kern eines einfachen Schnellkrafttrainings.

Schnellkrafttraining heißt nicht: wild und explosiv trainieren

Beim Wort Schnellkraft denken viele sofort an Box Jumps, Tiefsprünge, Sprints und aggressive plyometrische Übungen.

Das muss überhaupt nicht sein.

Gerade bei einem Menschen 50+, der bislang kaum Krafttraining gemacht hat, wäre das für mich sogar der falsche Einstieg. Sehnen, Gelenke, Muskulatur und Bewegungskoordination müssen zunächst auf die Belastung vorbereitet werden.

Schnellkrafttraining kann viel einfacher beginnen.

Nehmen wir einen normalen Squat.

In der ersten Phase lernt der Sportler, die Bewegung sauber auszuführen. Er senkt den Körper kontrolliert ab und richtet sich wieder auf.

Wenn die Bewegung sicher beherrscht wird, verändern wir nur einen kleinen Teil:

Langsam und kontrolliert runter – bewusst schnell hoch.

Der Widerstand muss dabei gar nicht besonders groß sein.

Entscheidend ist zunächst die Absicht, die Bewegung in der konzentrischen Phase möglichst kraftvoll zu beschleunigen.

Schnell vom Stuhl aufstehen kann bereits Training sein

Für einen älteren oder wenig trainierten Menschen kann eine sehr einfache Übung reichen.

Setz dich auf einen stabilen Stuhl und steh ohne Schwung möglichst zügig auf. Danach setzt du dich wieder langsam und kontrolliert hin.

Damit trainierst du eine Bewegung, die im Alltag unmittelbar relevant ist.

Mit zunehmender Leistungsfähigkeit kann der Stuhl niedriger werden oder eine leichte Zusatzlast hinzukommen.

Dasselbe Prinzip funktioniert bei Step-ups.

Kontrolliert aufsetzen und dann den Körper kraftvoll nach oben bewegen.

Wir brauchen dafür weder komplizierte Geräte noch ein Fitnessstudio.

Kurzhanteln reichen für viele Best Ager völlig aus

Für meine 50+-Athleten halte ich deshalb weiterhin ein Paar verstellbare Kurzhanteln für eine sehr gute Lösung.

Nehmen wir einen Bulgarian Split Squat.

Der Athlet senkt sich kontrolliert ab. Aus der unteren Position versucht er anschließend, sich so kraftvoll wie technisch sauber möglich wieder aufzurichten.

Das bedeutet nicht, dass er springen soll.

Es bedeutet lediglich, dass er nicht absichtlich langsam nach oben geht.

Das gleiche Prinzip können wir auf viele Übungen übertragen: Squats, Split Squats, Step-ups oder bestimmte Druckbewegungen für den Oberkörper.

Damit lässt sich Krafttraining relativ einfach um eine Schnellkraftkomponente ergänzen.

Leichtere Widerstände können dafür sogar sinnvoll sein

Das ist ein interessanter Unterschied zum klassischen Krafttraining.

Wenn wir maximale Kraft trainieren wollen, benötigen wir irgendwann ausreichend hohe Widerstände.

Wenn wir eine Bewegung dagegen schnell ausführen möchten, können niedrigere oder moderate Lasten sinnvoll sein. Ein extrem schweres Gewicht lässt sich schließlich gar nicht schnell bewegen.

Studien mit älteren Menschen zeigen, dass sogenanntes Power-Training mit der Absicht einer schnellen konzentrischen Bewegung die Muskel-Power verbessern kann. Einige Untersuchungen zeigen auch Vorteile bei funktionellen Tests wie Aufstehen, Gehen oder dem Timed Up and Go.

Wir sollten daraus aber keine neue Wundertrainingsmethode machen.

Eine neuere systematische Übersichtsarbeit fand beim Vergleich von schnellem Power-Training und klassischem Krafttraining insgesamt eher ähnliche Effekte auf die funktionelle Leistungsfähigkeit älterer Menschen. Bei einigen Tests gab es leichte Vorteile für das schnell ausgeführte Training, die Evidenz war jedoch nicht in allen Bereichen eindeutig.

Die Botschaft lautet also nicht:

Schnellkrafttraining ersetzt Krafttraining.

Sondern:

Ein gutes Krafttraining kann auch schnelle Bewegungen enthalten.

Wir brauchen zuerst eine Basis

Bei einem 55-Jährigen, der seit 20 Jahren keinen Squat gemacht hat, würde ich deshalb nicht am ersten Trainingstag über Schnellkraft nachdenken.

Zunächst braucht er eine solide Basis.

Bewegungen lernen. Stabilität aufbauen. Muskulatur an Widerstände gewöhnen. Sehnen und Gelenken Zeit geben, sich anzupassen.

Erst wenn eine Bewegung kontrolliert funktioniert, erhöhen wir die Geschwindigkeit.

Das ist für mich ein entscheidender Grundsatz:

Kontrolle kommt vor Geschwindigkeit.

Und erst danach kommt eventuell zusätzliche Last.

So könnte eine sinnvolle Progression aussehen

Ein Einsteiger könnte beispielsweise mit einem normalen Sit-to-Stand beginnen. Danach folgen Bodyweight Squats und Step-ups.

Wer diese Übungen sicher beherrscht, kann die Aufwärtsbewegung bewusst beschleunigen.

Später kommen Split Squats und leichte Kurzhanteln hinzu.

Bei einem gut trainierten Masters-Athleten können wir irgendwann noch einen Schritt weitergehen. Kleine Sprünge, Hops oder kurze Beschleunigungen können dann sinnvolle Trainingsreize darstellen.

Aber nicht jeder muss dort ankommen.

Ein 70-Jähriger braucht keine spektakulären Box Jumps, um von Schnellkrafttraining zu profitieren.

Schnellkrafttraining kann sogar das Gleichgewicht verbessern

Auch hierzu gibt es interessante Daten.

In einer Studie trainierten ältere Erwachsene zweimal pro Woche verschiedene Kraftübungen. Die konzentrische Bewegung – also beispielsweise das Hochdrücken – wurde dabei schnell ausgeführt, während die Rückbewegung kontrolliert erfolgte.

Das Power-Training verbesserte nicht nur die muskuläre Leistung, sondern auch die Balance. Besonders interessant war, dass niedrigere Lasten mit hoher Bewegungsgeschwindigkeit gut funktionierten.

Das passt gut zu unserem Ansatz.

Wir müssen einen Best Ager nicht mit maximalen Gewichten belasten, um einen sinnvollen neuromuskulären Reiz zu erzeugen.

Was bedeutet das für mein Training ab 50?

Ich würde Schnellkraft nicht als zusätzliche fünfte oder sechste Trainingseinheit in die Woche packen.

Viel einfacher ist es, sie in ein ohnehin vorhandenes Krafttraining zu integrieren.

Wer zweimal pro Woche Kraft trainiert, könnte einen Teil der Übungen mit folgender Vorgabe ausführen:

Absenken kontrolliert – Aufwärtsbewegung bewusst schnell.

Dabei bleibt die Technik jederzeit sauber.

Für einen Einsteiger reichen vielleicht zunächst zwei oder drei Übungen mit diesem Prinzip. Bei einem erfahrenen Sportler können später kleine Sprung- oder Sprintkomponenten hinzukommen.

Wichtig ist nicht, möglichst spektakulär zu trainieren.

Wichtig ist, dem Körper regelmäßig die Aufgabe zu stellen:

Erzeuge Kraft – und erzeuge sie jetzt schnell.

Drei Fähigkeiten, die wir erhalten sollten

Damit können wir unsere letzten Beiträge zu einem einfachen Modell zusammenführen.

Muskelmasse

Wie viel funktionsfähiges Muskelgewebe besitzen wir?

Muskelkraft

Wie viel Kraft kann diese Muskulatur maximal erzeugen?

Schnellkraft

Wie schnell können wir diese Kraft einsetzen?

Alle drei Fähigkeiten hängen zusammen.

Aber sie sind nicht identisch.

Und genau deshalb reicht es für Healthy Aging nicht, nur darauf zu achten, dass unsere Oberschenkel noch muskulös aussehen.

Mein Fazit: Bleib nicht nur stark – bleib schnell stark

Mit zunehmendem Alter sollten wir nicht anfangen, unseren Körper nur noch zu schonen.

Wir müssen unser Training anpassen. Wir brauchen mehr Augenmerk auf Regeneration, Technik und individuelle Belastbarkeit.

Aber wir sollten Fähigkeiten nicht vorschnell aus unserem Leben streichen, nur weil wir älter werden.

Dazu gehört auch Geschwindigkeit.

Schnellkrafttraining muss weder gefährlich noch spektakulär sein. Für viele Menschen reicht es zunächst, bekannte Kraftübungen sauber auszuführen und die konzentrische Bewegung bewusst zu beschleunigen.

Denn im Alltag gibt es Situationen, in denen wir keine Zeit haben, unsere Kraft langsam aufzubauen.

Wenn wir stolpern, müssen wir reagieren.

Wenn wir eine Treppe hochsteigen, möchten wir uns kraftvoll abdrücken.

Wenn wir vom Boden oder aus einem tiefen Stuhl aufstehen, wollen wir das möglichst lange ohne fremde Hilfe können.

Deshalb würde ich unsere drei Trainingsziele ab 50 inzwischen so formulieren:

Erhalte deine Muskelmasse.

Erhalte deine Kraft.

Und vergiss nicht, deine Kraft auch schnell einsetzen zu können.

Denn für unsere Healthspan zählt am Ende nicht nur, wie stark wir theoretisch sind.

Entscheidend ist, was unser Körper im richtigen Moment daraus machen kann.

Studien und Quellen

Byrne C, Faure C, Keene DJ, Lamb SE. Ageing, Muscle Power and Physical Function: A Systematic Review and Implications for Pragmatic Training Interventions. Sports Medicine. 2016. Die Übersichtsarbeit fasst die Zusammenhänge zwischen Muskel-Power, Alterung und funktioneller Leistungsfähigkeit zusammen.
Studie bei PubMed

Guizelini PC et al. Effect of resistance training on muscle strength and rate of force development in healthy older adults: A systematic review and meta-analysis. Experimental Gerontology. 2018.
Meta-Analyse bei PubMed

Morrison RT et al. High-velocity power training has similar effects to traditional resistance training for functional performance in older adults: a systematic review. Journal of Physiotherapy. 2023. Die Analyse von 19 Studien zeigt, dass schnelles Power-Training funktionell mindestens eine interessante Ergänzung zum klassischen Krafttraining darstellt, ohne eine generelle Überlegenheit zu belegen.
Review bei PubMed

Jiménez-Lupión D et al. Effects of Power Training on Functional Capacity Related to Fall Risk in Older Adults: A Systematic Review and Meta-analysis. Archives of Physical Medicine and Rehabilitation. 2023.
Meta-Analyse bei PubMed

Eine weitere Meta-Analyse mit 15 Studien und 583 Teilnehmern fand Vorteile von Power-Training gegenüber klassischem Krafttraining insbesondere bei Muskel-Power und bewegungsschnellen funktionellen Tests.
Power-Training versus Krafttraining bei PubMed